Spuren einer Vordenkerin – Johanna Dohnal in Augmented Reality, oder: Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen
Eine feministische Augmented Reality-Intervention im öffentlichen Raum – anlässlich 25 Jahre Animationsfilmfestival Tricky Women Tricky Realities
Talk & Event
Collage by Susi Jirkuff
Source: Walter Swistelnicki, Johanna Dohnal Archiv
Mit Augmented Reality-Installationen wird Johanna Dohnal – als erster Frauenministerin Österreichs und als Symbol für Gleichstellungskämpfe – ein digitales Denkmal und zugleich ein öffentlich sichtbares Zeichen für feministische Erinnerungskultur gesetzt.
Johanna Dohnals politische Errungenschaften haben die österreichische Gesellschaft entscheidend verändert (von der Familienrechtsreform bis zum Gewaltschutz für Frauen), wirken bis heute nach und sind in Zeiten wachsender antifeministischer, antiqueerer und antidemokratischer Tendenzen aktueller denn je. Die Installation am Johanna-Dohnal-Platz lädt die Besucher:innen ein, sich künstlerisch mit den Errungenschaften und der historischen Bedeutung von Johanna Dohnal (1939–2010) vertraut zu machen. Mit animierten und künstlerisch vielstimmigen Beiträgen wird der Platz virtuell lebendig und wirkt als Ort der Reflexion über soziale und politische Verhältnisse und für demokratisches Handeln.
Die beteiligten Künstlerinnen kommen aus dem Bereich Animationsfilm und Bildende Kunst und zeichnen sich durch einzigartige Handschriften und sehr innovative Zugänge aus.
Eni Brandner, Kris Hofmann, Susi Jirkuff, Nayeun Park, Veronika Schubert und Anna Vasof gestalten sechs virtuelle Skulpturen, die sowohl historische als auch aktuelle Bezüge zu Johanna Dohnal und gesellschaftspolitisch relevanten Debatten herstellen. Sie arbeiten mit Texten, Zitaten, Archivmaterial und O-Tönen und setzen Animation, Video, Zeichnung, Sound und Stimme ein.
Die Titel der einzelnen Kunstwerke sind „Sprechstunde“, „Johanna Dohnal – die Programmiererin“, „Feminismus/Rollenbilder/Selbstdefinition“, „Substanzielle Quantensprünge“, „Eine protestierende Vase II“ und „Portraits of Progress“.
Die Werke sind auch online unter erlebbar unter artificialmuseum.com
Mit Augmented Reality (AR) wird eine zeitgenössische digitale Technik genutzt, die digitale Inhalte – etwa bewegte Bilder, Fotos, virtuelle Skulpturen, Texte oder Klänge – mit der physischen Welt verbindet. Alles, was es braucht, ist ein mobiles Gerät – keine App, keine Spezialbrille, nur das Scannen eines QR-Codes.
Ein Projekt von Tricky Women Tricky Realities (Culture2Culture) in Kooperation mit Systemkunst KG / Artificial Museum, der Bezirksvorstehung Mariahilf, dem Johanna Dohnal Archiv, der AHS Rahlgasse und dem Top-Kino
Ermöglicht von KÖR Wien und mit Unterstützung des Zukunftsfonds der Republik Österreich.
DIE AR-INSTALLATIONEN
Substanzielle Quantensprünge
von Eni Brandner

© Eni Brandner

© Eni Brandner
Johanna Dohnal gilt als Pionierin der Frauenpolitik in Österreich. Sie sprach viele Dinge aus, die zuvor stillschweigend hingenommen wurden. Sie machte Ungerechtigkeiten sichtbar und nahm dabei kein Blatt vor den Mund, um die patriarchal strukturierten gesellschaftlichen Verhältnisse zu kritisieren und festgefahrene Strukturen aufzubrechen.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich ein AR-Objekt gestaltet, das versucht, dieses Aufbrechen erfahrbar zu machen. Eine unsichtbare Barriere wird sichtbar, und erst durch das aktive Eintreten in ihr Inneres beginnt sie aufzubrechen.
Die Arbeit übersetzt so eine gesellschaftliche Erfahrung in eine räumliche, körperliche Wahrnehmung. Sie erinnert daran, dass die „gläserne Decke" nicht nur eine Metapher ist, sondern eine reale, wenn auch oft unsichtbare Grenze, und dass ihr Durchbrechen Bewegung, Präsenz und Handlung erfordert.
Quellenhinweis: Herkunftsarchiv Tonaufnahme: „Österreichische Mediathek/Technisches Museum Wien"
http://www.enimation.at/enimation/biography.html
Portraits of Progress
von Kris Hofmann

© Kris Hofmann
Das Kernstück der Installation sind Porträts von Frauen, deren Leben – direkt oder im übertragenen Sinn – von Johanna Dohnals Arbeit berührt wurde. Die Porträts zeigen verschiedene Frauen, darunter Akademikerinnen, Arbeiterinnen oder Musikerinnen. Die Bilderrahmen sind auf einem fantastischen, physisch unmöglichen Gerüst angeordnet, das sich alle fünf bis acht Sekunden um 90 Grad dreht und so eine leicht surreale Bewegung erzeugt.
Sprechstunde
von Susi Jirkuff

© Susi Jirkuff
In der AR-Installation erscheint in 3D ein Bürotisch, darauf das Schild „Sprechstunde“ - bekannt aus einem Pressefoto von Johanna Dohnal. Dahinter sitzt Johanna Dohnal als animierte Figur. Aus einer Serie von Archivfotos, in denen sie gestikulierend zu sehen ist, entstand eine Animation ihres Kopfes und Oberkörpers. Die gesamte Szene bildet ein 3D-Tischobjekt, um das das Publikum herumgehen kann. Das Schild ist von vorne, von der Seite und von hinten sichtbar, während die Animation von Johanna Dohnal an der Vorderseite erscheint oder als Silhouette von hinten zu sehen ist.
Eine protestierende Vase II
von Nayeun Park

© Nayeun Park

© Nayeun Park
Die Installation zeigt ein Video und eine 3D-Skulptur. Die Skulptur wirkt wie eine „Projektionsfläche“ für das Video, in dem Kleidungsstücke, die mit „Weiblichkeit“ assoziiert werden, zerstört, neu zusammengenäht und schließlich zu einer Skulptur verarbeitet werden. Ein gesprochener Text begleitet die Bilder und reflektiert Gewalt gegen Frauen, Geschlechterrollen und patriarchale Strukturen, indem er sich an den Gedanken und Positionen von Johanna Dohnal anlehnt.
Feminismus/Rollenbilder/Selbstdefinition
von Veronika Schubert

© Veronika Schubert

© Veronika Schubert

© Veronika Schubert
Aus dem Falter habe ich folgendes Zitat, welches es für mich komplett auf den Punkt bringt:
„Ich denke, es ist Zeit, daran zu erinnern: Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn.“ - Johanna Dohnal
Ich arbeite gerne mit Zeitungsmaterial, es ist eine Art des Zitierens, aber für mich auch eine persönliche Form des Kommentierens. Die Medien beziehungsweise genauer WAS und vor allem WIE etwas öffentlich kommuniziert wird, prägt stark die öffentliche Wahrnehmung bzw. die Stimmung in der Bevölkerung - UND: Es prägt auch nachhaltig das eigene Weltbild, ganz egal ob wir das wollen oder nicht.
Für diese AR-Installation verwende ich Sätze, die Johanna Dohnal gesagt haben könnte. Zugleich sollen es aber auch Sätze sein, mit denen sich die Betrachter*innen identifizieren können oder die zumindest zum Reflektieren anregen. Alle Sätze beginnen mit „ICH“ und beziehen sich auf Rollenbilder, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Erwartungshaltungen, Wünsche, Zuschreibungen und Selbstdefinition.
Johanna Dohnal – Die Programmiererin
von Anna Vasof

© Anna Vasof
Im Virtual Monument von Johanna Dohnal erscheint in ihrer Brille ein animierter Text. Er ist in einer programmierähnlichen Sprache verfasst und beschreibt die Gesetze, für die sie gekämpft und die sie durchgesetzt hat. Die Typing-Animation verdeutlicht, dass Johanna Dohnal selbst eine Art „Programmiererin“ gesellschaftlicher Regeln war.
Der virtuelle Kopf basiert auf einem realen Gipskopf, den ich selbst gefertigt und bemalt habe. Dieser physische Kopf wurde anschließend gescannt und in die AR-Installation integriert.

